Musikalität

"Das größte Verbrechen eines Musikers ist es, Noten zu spielen, statt Musik zu machen." (Isaac Stern)

Ich lebe in einer sehr musikalische Familie. Das Kind lernt lautstark und mit wechselhafter Motivation und hoffentlich auch sehr zur Freude der Nachbarn Trompete, seine Mutter sang ein paar Jahre im Volkschor ihres Heimatdorfes und sogar ich habe musiziert, indem ich in mehreren beschissenen Bands mitspielte, wobei das niedrige Niveau der musikalischen Darbietungen nicht zuletzt in meiner Beteiligung seine Ursache hatte.
Als Schulkind begann meine instrumentelle Laufbahn komischerweise mit dem Erlernen der Blockflöte. In der ersten Woche war ich dabei. In der zweiten hatte ich leider Geburtstag und konnte deshalb nicht hingehen. In der dritten hatte ich keine Lust mehr. Daraufhin wurde mir von der Arbeitsgemeinschaftsleitung eine weitere Teilnahme verweigert. Mir war es recht. Scheiß Flöte. Weiber beeindruckt man damit sowieso nicht. Meine mangelhafte Disziplin beim Erlernen eines Instrumentes hat sich allerdings über die Jahre erhalten.
Atommüllblues
Meine erste Band hatte es in den wenigen Jahren ihres Bestehens auf mehr Eigennamen als Lieder gebracht. Zum Zeitpunkt meines unvorhergesehenen Beitrittes hieß die Band "VK88", ein Name den wir dringend ablegen mussten, da mit mir eine neue Zeitrechnung begonnen hatte, zu dem wir aber später noch einmal zurückkommen sollten. So benannten wir uns auf mein Bestreben hin vorläufig in "The Beggars" um. Auch blöd, aber was soll´s. Später hießen wir dann noch "Smädny Mnich" - nach einer slowakischen Biersorte, mit der wir recht gute Erfahrungen gemacht hatten und danach "Conny Lingus" - auch diese Namen verwurzelten sich in meiner haarsträubenden Phantasie.
Leider waren wir nicht nur für Coverversionen bekannter Krawallhits zu mies, selbst die wenigen eigenen Titel gingen uns eher schlecht von der Hand. Wir hatten uns zwar selbst einen schönen Proberaum gezimmert, indem wir relativ regelmäßig Krach machen konnten, doch leider lies das Potenzial der Musiker keinen Platz für große Sprünge. Und dies änderte sich in der Zeit des Bestehens der Vereinigung kaum.
Auftritte hatte die Musikgruppe nie – wozu auch? Nur einmal, im Verlauf einer Silvesterfeier, quälten sich drei junge Damen die steile Leiter in den Proberaum hinauf. Im Vorprogramm hatten wir alle unterschiedlich große Mengen alkoholischer Getränke konsumiert. War halt Tradition. Warum auch nicht.
Das Ständchen für die Gästinnen wurde mehrere Male in Angriff genommen, scheiterte jedoch nach dem Intro immer wieder kläglich. Der letzte Versuch endete plötzlich mit einem barbarischen Scheppern, als der Trommler mit samt seinem Schlagzeug umgefallen und unter diesem zu liegen gekommen war. Die Meinungen über die Qualität dieser Darbietung gingen leider ein wenig auseinander. Musikalisch war es eine absolute Katastrophe, aber der Unterhaltungswert, war meines Erachtens, ungewohnt hoch.
Noch vor dem wohlverdienten Ende des Ensembles fanden die meisten Beteiligten ein künstlerisch lukrativeres Unterkommen in anderen Kapellen, nur der Schlagzeuger ging stattdessen zur Nato und begründete dort wahrscheinlich seine eigene Waffengattung.
Uffjewacht als uffjeplatztes Pferd
Von der nächsten Band wurde ich völlig überraschend eines Morgens nach einem getränkeorientierten Abend bei einem Leidensgenossen in Beschlag genommen. Als erfahrenen Musiker hielt man mich für angemessen geeignet, um für dieses Projekt in Erscheinung zu treten. Einige der anderen Kollegen hatten dabei sogar künstlerisches Potenzial. Die Proben waren sehr kreativ, ja fast berauschend. Eine neue Art Musik lag in der Luft. Einfach, aber mit sehr viel Anspruch.
Jedoch löste sich die Ursprungsbesetzung bereits kurz nach dem ersten Konzert in Wohlgefallen auf, obwohl dieses als Achtungserfolg hätte gewertet werden können. Im Vorprogramm einer regional recht bekannten Partyband spielten wir einen zehnminütigen Überraschungsauftritt, bei dem mein Lampenfieber auch für eine mehrstündige Darbietung ausgereicht hätte. Das Publikum nahm uns dennoch wohlwollend auf, Verpackungen wurden nicht geworfen.
Wir verblieben in der Band danach zu dritt bzw. zu viert. Der vierte, inoffizielle Mitarbeiter, war der Gevatter Alkohol. Er hatte großen Einfluss, vor allem auf die Texte und die Performance vor Ort. Der politische Anspruch geriet derweil aber etwas aus dem Blickwinkel.
Unsere zweite Show brachte uns sogar einen großartigen Sieg beim berühmten ersten Trashfestival ein. Zwar hatte unser Sänger Teile des Publikums mit gefügig machenden Getränken aus dem Bühnenhintergrund bestochen, doch konnte man unbescheiden behaupten, dass wir eine neue Musikrichtung in unserer Stadt etabliert hatten. Mittelgroße Kunst – jovial dargeboten.
Eine weitere Teilnahme an einem Songcontest in einer nahen Kreisstadt verlief leider weniger glücklich, da uns die ebenfalls angereiste altmärkische Punkerhorde total doof fand, obwohl unser Keyboarder beim Auftritt seine schönste Kittelschürze anhatte. Unser Bühnenoutfit konnte in dieser Phase jedenfalls echte Maßstäbe setzen.
Nach einer CD-Produktion und weiteren durchwachsenen Gastspielen musste ich aus finanzieller Not heraus eine geregelte Arbeit annehmen. Ich hatte demnach weniger Zeit und Antrieb für den aufwendigen Rock and Roll und wurde schließlich zu Recht mit groben Worten aus der Band geschmissen.
Die beiden kreativen Köpfe machten noch eine Weile weiter und schrieben dabei einige echte Ohrwürmer. Hin und wieder werden sie auch heutzutage von manchen Leuten zu fröhlichen Anlässen gesungen. Und immer noch gibt es sicherlich Musiker, die diese Formation als einen prägenden Einfluss angeben könnten, wenn sie sie nur gekannt hätten.
Leiden unter Palmen
Meine dritte Kapelle war und ist eine waschechte Allstar-Band. Einige Mitglieder können nämlich herausragende Referenzen vorweisen. Sie haben früher in wegweisenden Kapellen gespielt und große Erfahrungen im erfolglosen Musikbusiness gesammelt. Wir sind außerdem eine der ältesten aktiven Punkbands unserer Heimatstadt, wir agieren seit über einem Dutzend klangvoller Jahre. Wobei man das mit dem Punk mal wieder nicht überbewerten sollte. Denn richtige Punker fanden uns immer überwiegend nicht so toll.
Dabei ist unsere Musik eigentlich nichts Besonderes. Jedoch können wir derartig laut spielen, dass das Publikum scharenweise den Saal verlässt. Wir haben in der Vergangenheit einige Konzerte gegeben, sogar mal in Potsdam gespielt und wurden danach weder geteert noch gefedert. Nein, es gab sogar etwas Spritkohle und einen schweren Motorschaden auf der Rückreise. Meist spielten wir jedoch fürs Catering. Aus der Bierkasten-Liga sind wir nie so richtig raus gekommen.
Unseren grandiosesten Auftritt hatten wir auf einem Nachwuchsfestival in einem heimatnahen Jugendclub, zu dem wir viel zu spät und fast ohne Ausrüstung anreisten, denn von unserem Proberaum waren es schließlich zehn Minuten Fußweg und wir mussten dort zur Vorbereitung noch etwas in uns gehen. Wir wurden vom aufgebrachten Tonmann rüde angeschnauzt und ohne Soundcheck ans finstere Ende des musikalischen Reigens gesetzt. So spielten wir also weit nach Mitternacht vor knapp zehn Leuten, von denen sogar zwei irgendwie getanzt haben. Das war der absolute Höhepunkt unserer Karriere, denn Geld bekamen wir auch noch für den tollen Abend. Und ein letztes Handbier für den Heimweg. Wir durften uns zum Abschied sogar auf einer fiesen GEMA-Liste verewigen. Wir waren fast ein wenig wie richtige Künstler.
In unserer Geschichte hatten wir jedoch auch einige Rückschläge verdauen müssen. Manche öffentlichen Darbietungen wurden vom Publikum zwiespältig aufgefasst. Ob dabei eventuell Flaschen flogen, kann ich mich nicht mehr erinnern. Auszuschließen ist es nicht. Unser Proberaum wurde ausgeraubt und große Teile der Ausrüstung entwendet. Eine mehrmonatige Pause war die Folge, obwohl wir uns gerade in einer kreativen Hochstimmung befanden. Studiotermine wurden weder geplant noch umgesetzt. Neue Kompositionen gingen zwischen den Proben mangels Merkfähigkeit verloren.
Heutzutage ist es bei uns etwas ruhiger geworden. Wir proben immer noch regelmäßig, ein bis zweimal pro Jahr. Konzerte gibt es nicht mehr, denn die Verstärker sind sehr schwer, das Publikum ist grundsätzlich zu undankbar und wir sind uns viel zu schade für nervenaufreibende Fernreisen durch die halbe Stadt.
Denn wichtig ist vor allem die Idee. Unsere Freundschaft. Das man mal zu Hause rauskommt. Dafür ist so eine anspruchslose Rumpelkapelle genau das richtige. Auf eine steile Karriere hatten wir es ohnehin nie angelegt. Denn wir sind alle berufstätig, haben Kinder und/ oder Haustiere und enorme gesellschaftliche Verpflichtungen.
Und so werden wir wohl noch in zehn oder zwanzig Jahren in unbeheizten und verräucherten Kellerräumen auf gammligen Sofas hocken, umgeben von Unmengen Leergut, Hardcore-Postern und zerfledderten Stadtmagazinen. Und natürlich mit den ewig gleichen Anekdoten auf den Lippen. Ich freue mich jedenfalls darauf. (HO)