Die Kassierer in Potsdam

„Und wieder früh am Ende und wieder spät zu Haus.“ Ben RackeN


Aus Anlass eines Kassierer-Konzertes in der nächsten Woche habe ich eine ältere Geschichte von vor zehn Jahren wiederentdeckt und rekultiviert. So war das damals:
Unser spendabler Freund T. hatte uns frühzeitig ein wichtiges Konzertereignis angekündigt. Ein Abend voller schaumiger Getränke, schwülstiger Gesänge, gereckter Fäuste und kleinerer Blessuren warf seine Schatten voraus. Wir hatten im Vorfeld mehrfach an Kassierer-Konzerten teilgenommen und waren uns der Tragweite einer solchen Reise durchaus bewusst.
Die Geburtstagsfeierlichkeiten meiner verehrten Frau Mutter musste ich nach Kaffee und Kuchen leider freudig verlassen. Am Bahnhof traf ich mich mit T. und dem Kollegen L. zum verabredeten Zeitpunkt. Wir kauften Bier, Schnaps und eingelegte Oliven zum knabbern unterwegs und wandten uns zum Aufbruch. Herr L. zückte freundlicherweise am Fahrkartenschalter seine Bahncard 50 und verhalf uns so zu unerwartet günstigen Tickets, ein Umstand, der sich noch positiv auswirken sollte - vor allem auf meine lädierte Psyche. Die Zugfahrt war kurzweilig wegen der Gespräche und Getränke, das Abteil geräumig und das Klo gleich gegenüber. Was wollte man mehr?
In Potsdam angekommen stiefelten wir in Richtung der angegebenen Lokation. Der Weg war lang, das Bier lief ganz gut, ein netter Dönerladen kreuzte den Weg. Wir kamen durch halb Potsdam und schließlich in eine Villensiedlung und endlich vor das gesuchte Gebäude. Doch dort war tote Hose. Keine Punker, keine Glatzen, keine Leute - nix! Wir wunderten uns ein wenig. Und als uns dann auf einmal ein langhaariger Typ zwei Karten für Knorkator am selbigen Abend verhökern wollte, wurde uns wehmütig klar, dass wir hier eindeutig an der falschen Adresse waren. Und über Knorkator hatte ich noch nie so richtig lachen können, weshalb sie als Ersatz für die mächtigen Kassierer ungeeignet und keine Überlegung wert waren. Aber wo spielten unsere Lieblinge denn dann, lieber Studiosus T.?
Souverän berichtigte der Angesprochene den kleinen Fehler und manövrierte uns zum „Waschhaus“, einem anderen Club, indem wir ohnehin den Rest der Nacht verbringen wollten bis morgens der erste Zug in die Heimat fahren würde. Nach einem weiteren längeren Fußmarsch erreichten wir den Laden, aber auch hier fand kein Konzert der Kassierer statt. Lediglich eine endlose Reggea-Nacht lud zum verweilen ein. Wir diskutierten diesen Umstand, der Organisator beschwor standhaft die Richtigkeit seiner Informationen, die Fachpresse hätte den Konzerttermin offiziell verbreitet - der Mangel an fröhlicher Musik ließ sich trotzdem nicht leugnen.
Also beschlossen wir, der trostlosen Stadt des großen Friedrichs den Rücken zu kehren. In Richtung Bahnhof fuhr sogar eine Straßenbahn, immerhin etwas Entlastung für die lädierten Füße. Eine Nachtwanderung in zehner Boots fordert schließlich irgendwann ihren Tribut. Am Verkehrsknotenpunkt kehrten wir bei einem billigen Chinesen ein, nicht unbedingt ein Höhepunkt asiatischer Kochkunst, aber wenigstens etwas Warmes im Bauch und dazu ein kühles Hefeweizen für die Nieren. Sollte ja keiner zu kurz kommen.
Nach der Mahlzeit und dem halben Kaltgetränk fiel unser Jugendfreund T. plötzlich in tiefen Schlaf. Er hatte seit Jahren einen Hang zur Narkolepsie, vor allem in angetrunkenem Zustand. Und am schönsten für den stillen Beobachter war es dabei immer, wenn sich ein Sabberfaden langsam vom Mundwinkel des Betroffenen in Richtung Kragen vorarbeitete, den Prozessen in einer Tropfsteinhöhle nicht unähnlich. Zusätzlich kippte sein umnachtetes Haupt in alle Richtungen, wurde im letzten Moment nur von einem kurzen Aufschrecken abgefangen, um wenig später langsam in entgegengesetzter Richtung abzudriften. Dem Koma des Herren tat dies keinen Abbruch  An diesem Schauspiel hatten nicht nur wir beiden Überlebenden unsere Freude, auch einige Passanten genossen für kurze Zeit den Anblick unseres Entschlafenen, was an ausgestreckten Fingern und manch breitem Grinsen deutlich zu erkennen war. Jedoch mussten wir drei immer noch den letzten Zug erwischen. Also wurde der schlummersüchtige Tourist forsch geweckt, für jeden Gefährten ein letztes Fahrpils erworben und der Bahnsteig geentert.
Dort pennte er leider sofort wieder ein und hätte unweigerlich die Eisenbahn verpasst, wenn ich ihn nicht mit aller Kraft in den Waggon komplementiert hätte. In diesem Gewusel verlor ich unglücklicherweise den Blick für mein einziges Gepäckstück, einen alten Stoffrucksack mit einer lädierten Wetterjacke darin, meiner Lieblingspunkrockjacke. Sie hatte Brandlöcher und war keineswegs als hübsch zu bezeichnen, für gewisse Gelegenheiten allerdings optimal, da ihr Verlust kein Beinbruch wäre. Außer, wenn sie tatsächlich weg war. Als mir der Schaden bewusst wurde, verschlechterte sich meine Stimmung erheblich, ich verlor schlagartig die Freude am Reisen und dem Getränk in meiner Hand.
Der Musikus T. schnarchte bis kurz vor Ankunft am Ausgangspunkt unserer Exkursion. Dann erwachte er gestählt und voller Tatendrang und wollte auf jeden Fall die nächste gastronomische Einrichtung in Angriff nehmen, meine Stimmung blieb jedoch auf dem Tiefpunkt. Am Bahnhof gab ich eine Vermisstenmeldung für meinen armen Rucksack auf. Die Bahntante schien nachts um halb drei aber nicht sonderlich motiviert. Sie gab mir zwar eine Telefonnummer, meinte aber, dass herrenlose Taschen auf Bahnhöfen vorsorglich vom Bundesgrenzschutz wegen Terrorverdachts gesprengt werden würden. Es war halt die harte Zeit kurz nach dem elften September. Mein schöner Rucksack…
Die verbliebenen zwei Nachtschwärmer machten sich auf in eine kubanische Kneipe um die Ecke und schliefen dort sicherlich sofort ein, ich trottete deprimiert nach Hause. Jacke weg, Konzert am Arsch, aber wenigstens für die Zugfahrt nur die Hälfte gelöhnt. Sonst hätte ich mich noch mehr geärgert.
Eine spätere Recherche in Szenepublikationen und im Internet ergab, das die mächtigen Kassierer in dieser Nacht nicht nur in Potsdam kein Konzert gegeben haben, sondern quasi auf der ganzen Erde. Da hatten wir mit der brandenburgischen Landeshauptstadt fast noch Glück, denn die war wenigstens nicht so weit von unserer Kleinstadt entfernt wie der Rest der Welt. (HO)