Wer hat uns verraten?

„Das mit der Wahrheit hat zwei Seiten, das mit dem Schweigen leider auch.“ (Love A)


Für viele werktätige Menschen waren die Sozialdemokraten über hunderte Jahre lang ein, wenn nicht gar der Hoffnungsträger. Nachher nur noch das kleinere Übel. Ich erinnere mich an Leute, die sagten gern „Wir waren schon immer Arbeiter gewesen. Wir können gar keinen anderen wählen.“ Und das taten sie dann auch mit stolzer Brust und wehendem Haar. Im Hinterkopf immer die anderen Knalltüten. Bäh! Denen konnten sie noch weniger ihre Stimmen geben.
Was ein modischer Kanzler aus Hannover später zusammen mit den Bündnisgrünen durchgesetzt hatte, wäre den Konservativen gegen den massiven Protest von Gewerkschaften,  Verbänden und normalen Bürgern wohl schwerlich gelungen. Nur mit ihrer Rotgrünschwäche konnten sie unter dem Deckmäntelchen arbeitnehmerfreundlicher Politik Gesetzte verabschieden, die ihrer eigenen Klientel bald massiv auf die Füße fallen würden. Denn die Einführung der Riesterrente diente vor allem der befreundeten Versicherungs- wirtschaft, Hartz IV dem erstarkenden Niedriglohnsektor. Und in den Krieg gezogen sind sie ebenfalls, auch wenn sie das wohl selbst nicht für möglich gehalten hätten. Da hatte der treudoofe Wähler dieser beiden Parteien natürlich wenig von. Die Sozialdemographen können sich jedenfalls einen großen Teil der Nichtwähler anrechnen lassen. Fein gemacht und selber Schuld. Als sich der umtriebige Gerhard nach seiner Kanzlerschaft vollends unter dem feuchtwarmen Rock der Industrie verkrochen und sein ehemaliger Außenminister Joschka sich der Ausbildung der Eliten von Morgen verschrieben hatte, wurde es noch schwieriger für das Personal der alten roten Tante. Die war nämlich mittlerweile ganz schön blass geworden. Mehrheiten im Bund waren endgültig Geschichte und das Führungspersonal wechselte regelmäßig. Sie konnte höchstens Juniorpartner in Koalitionen unter der Regentschaft von Angela der Ersten werden. Damit zwar ein ernsthafter Konkurrent für die freien Demokraten, mehr aber auch nicht. In dieser Umgebung wuchs ein ehemaliger Geographielehrer zur Führungskraft heran. Er überlebte etliche Kollegen in seiner Partei und wurde sogar Vorsitzender in dem komischen Verein. Vielleicht erinnerte sein niedersächsisches Temperament die verbliebenen Mitglieder ja an bessere Zeiten.
Und da sitzt er nun. Der Sigmar kommt daher wie der dicke Onkel aus Westdeutschland. Der brachte früher wenigsten Albrecht-Silber-Kaffee, Kugelkaugummis und billige Strumpfhosen in den Osten mit. Und sein kuschelweiches rosa Rosettenpapier natürlich, damit das stalinistische Hartfaserklopapier seinen Hämorrhoiden nicht den Todesstoß versetzen konnte. Heute bringt der Große Vorsitzende leider nur noch langweiliges Gequatsche und falsche Versprechungen unter die Leute. Er wirkt wie der lästige Nachbar, den man trifft, wenn man mit dem Schweineeimer zur Biotonne unterwegs ist. Der ungefragt Erklärungen abgibt, auf die keiner scharf ist. Das ist nun also der Chef der Erben der Dinosaurier – da muss man eher Mitleid haben. Mit ihm eifert seine Partei den Liberalen in punkto Überflüssigkeit nach. Er redet der erfolgreichsten Kanzlerin aller Zeiten und den Großkonzernen nach dem Munde wie ein zweijähriges Kind, nur mit mehr Vokabular, denn immerhin hat er ja studiert. Auf seine politischen Aktivitäten können die meisten Mitbürger derweil getrost verzichten. Schwammige Positionen zu TTIP und Fracking beispielsweise werden uns teuer zu stehen kommen. Gewinne machen die Konzerne, das Risiko trägt die Allgemeinheit. Das war schon immer so.
In seinem Windschatten kletterte noch ein anderes Mauerblümchen die Karriereleiter empor. Denn einen weiteren Eckpfeiler des parlamentarischen Trauerspiels bildet die kleine Andrea aus der Vulkaneifel. Wie der Sigmar steht sie gut im Schuh und bewohnt ihren Hosenanzug bis in den letzten Winkel. Beim BMI ist sie ihrem Oberbonzen jedenfalls auf den Fersen. Und auch ihren Ausführungen mag niemand so recht lauschen. Sie ermüdet jeden Zuhörer binnen kürzester Zeit mit ihren Vorträgen und man möchte sie am liebsten bitten, sich wieder der Hausarbeit zuzuwenden. Hat ihnen schon mal jemand aus dem Bekanntenkreis auf der Silberhochzeit der Schwiegereltern berichtet, wie er tags zuvor mit Spannung die Bundestagsrede dieser Ministerin verfolgt habe? Nein? Siehste! Das meine ich. Welchem Ministerium sie gerade vorsteht, spielt eigentlich keine Rolle, das mag sich ohnehin kaum jemand merken. Dabei kann sie so kämpferisch auftreten wie Alice Schwarzer beim Steuerberater oder so glitzerlich wie die Weinkönigin vom Seniorenstift. Zusehen will man dabei natürlich nicht. Außerdem hadert Andrea ständig mit ihrer Frisur und wenn sie es nicht tut, sollte sie schleunigst damit anfangen. Ganz eindeutig würde ich die nicht zu meinem Geburtstag einladen. Aber halt! Zu ihrer Ehrenrettung fällt es mir ein: die gute Andrea hat endlich den Mindestlohn durchgesetzt. Trotzdem schade. So triumphal, wie sie es sich vor der Großen Koalition ausgemalt hatte, ist der nicht geworden. Ausnahmen sind die Regel. Tja, wie das wohl kömmt?
Bleibt nur noch der Frank-Walter zu nennen. Ein Außenpolitiker, der sich berufsbedingt häufiger im Ausland aufhalten muss und deshalb mit den irrsinnigen Diskussionen in der Heimat kaum auseinanderzusetzen braucht, was ihm bestimmt nicht Leid tut. Als Nachfolger des gelben Guido kann er gar keine allzu schlechte Figur machen. Immerhin droht ihm in vielen Ländern der Welt, in denen er hin und wieder zu Gast sein muss, nicht per se die Todesstrafe, wie seinem Vorgänger. Deutschlands Aufstieg zu einem der größten Demokratie- exporteure der Welt mag man getrost unter Ulk verbuchen, von hals- brecherischer Kriegsrhetorik wird dieser Regierungsvertreter dennoch hoffentlich weiterhin die Finger lassen. Ihm mag man innerhalb der Mannschaft am ehesten so etwas ähnliches wie Integrität abkaufen.
Natürlich musste sich die Partei als zweiter Sieger der letzten Bundestagswahl noch weitere Ministerien ertrotzten und die Namen der betreffenden Leiterinnen hat sich die Kanzlerin bestimmt auch irgendwo aufgeschrieben, die Wählerinnen und Wähler tangiert es leider kaum. Denn das war es mit nennenswertem Personal bei den Spezialdemokraten, in die zweite Reihe reicht das Licht der Scheinwerfer nämlich nicht. Was da so rumpallabert, bekommt gar keiner richtig mit. Macht nix. Ein politisches Profil lässt sich bei diesen Koalitionären nicht mehr wirklich erkennen. Wenn man mit bei den Regierenden sitzen darf, wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Man denke da nur an gewisse EU-Parlamentarier. Die alten Genossen sollten sich demnach aus der großen Politik zukünftig lieber heraushalten. In den Ländern und in der Lokalpolitik können sie eventuell noch einige Jahre ihr Gutmenschenimage pflegen. Vielleicht wählt sie dort hin und wieder irgendjemand, der einen ihrer Kandidaten aus der Grundschule kennt.
P.S.: Über den Werdegang der Grünen könnte man zweifelsohne eine noch ergreifende Trauerrede halten. (HO)