Fischvergiftung

Ein Fischtagebuch

 

Wir haben uns nach jahrelanger Diskussion schweren Herzens der Aquaristik verschrieben, wie so viele Menschen in unserem Freundeskreis. Die ewige Haustierdiskussion mit dem Nachwuchs musste endlich beendet werden. In diesem Zusammenhang erschienen uns Fische die beste Wahl zu sein. Sie sind verhältnismäßig leise, bei guter Pflege fast geruchsneutral und völlig dressurresistent. Schließlich sind wir durch unsere Trophäensammlung bereits erfahrene Anhänger der rein optischen Tierhaltung. Kann man halt nix mit machen, nur anglotzen. Weniger ist mehr, sagt man ja auch.

 Stellt sich natürlich dringlich die Frage, wohin mit dem fetten Glaskasten? Solch einen Klotz am Bein muss man erst mal irgendwo unterbringen. Den Fernseher rausschmeißen? Nö, total langweilig. Frau und Kind rausschmeißen? Schon besser, wird viel mehr Platz frei, aber wozu dann noch das Aquarion. Dem Wunsche des Kindes entsprechend drängt sich dessen Zimmer als einzig möglicher Standort auf. Demzufolge räumen wir dort komplett um, tragen alle Schränke im Kreis und auf die andere Seite, bauen an, lackieren drüber bis der Stellplatz der Größe und dem Gewicht des geplanten Schwimmbeckens angemessen ist. Und die Spannung steigt.

So. Wir haben ein Aquarion und den dazugehörigen Krempel gekauft. Der finanzielle Volltreffer beeinträchtigt ein wenig mein Selbstwertgefühl. Blödes Viehzeug! Hundert Liter Wasser stehen nun im Kinderzimmer und harren dem unvermeidlichen Glasbruch – ich muss dringend meine Hausratsversicherung anrufen. Weil alle geübten Fischversteher davon abraten, haben wir erst recht die Komplettversorgung aus dem Baumarkt gewählt und sind dabei von erfahrenen Fachverkäufern gut betreut worden. Damit das Aquarion in der zweiwöchigen Einlaufphase ohne Fische nicht so einsam ist, haben wir mit den Pflanzen gleich noch eine Schneckenplage  erworben. Da hat man immer was zu kucken.

 Aber welche Fische wollen wir haben? Weiß nicht. Einzelgänger oder Schwarmfische? Der beliebteste Schwarmfisch in Deutschland ist das Fischstäbchen – es lebt meist in Packungen von zehn bis fünfzehn Stück. Ha, ha! Für unsere Belange allerdings ungeeignet.

1. FT

Nach den ausgiebigen Beobachtungen der Fischvölker anderer Leute haben Frau und Kind gemeinsam eine Lieblingsliste erstellt. Dazu sagt der eloquente Fischverkäufer natürlich „Quatsch! Passt nicht zusammen und ein blauer Krebs geht schon gar nicht.“ Also wieder stundenlang um Aquarien kreisen, debattieren, drohen und nachgeben. So erwerben wir endlich zwei Fischarten mir unbekannter Fabrikate. Sie werden fachgerecht zu Wasser gelassen und kommen anscheinend auch irgendwie damit zurecht. So richtig spannend ist das ziellose Herumgeschwimme der Probanden aber nicht. Was das soll?

2. FT

Dem Erstbezug geht es ganz gut. In einem anderen Fischfachgeschäft erstehen wir noch mal zwei Sorten Fische um das Aquarion zu komplettieren. Von den Zebrabärblingen halte ich persönlich nicht viel, beuge mich aber schließlich dem Willen meiner Mitbürger. Dafür sind sie billig. Für mich kaufen wir eine Tüte rötlicher Fische. Ein wenig Farbe muss sein. Sonst heben sich die Bewohner gar nicht von Unter- und Hintergrund ab. Dann ermüden die Augen des Betrachters zu schnell und man verliert die Lust am Füttern und alles verreckt vor der Zeit. Das Einführen der neuen Schwimmkörper geht jedenfalls reibungslos vonstatten. Doch ob alles gut wird, bleibt abzuwarten.

 3. FT

12:30 Uhr - Der erste Fisch ist tot. Zum Glück einer von den 1-Euro-Modellen. Knapp 48 Stunden nach Erwerb liegt der arme Flossenträger regungslos im Kiesbett. Am Morgen schien er bereits ein wenig suizidal zu sein – zum Glück hatte ihn die Frau aber beim Selbstmordversuch ertappt und gerettet. Eingeklemmt hing er zwischen Filterpumpe und Scheibe. Doch nu isser hin. Er hatte wahrscheinlich Kiemitis (eine böswillige Entzündung der Kiemen, ersichtlich durch einen roten Fleck auf dem Kiemendeckel). Ich fische den Leichnam heraus und lege ihn in den Kühlschrank – vielleicht möchte ihn die nachwachsende Wissenschaft später mikroskopieren.

19:30 Uhr - Fischpopulation stabil. Aber der eine Rote scheint eine ordentliche Klatsche zu haben. Alle anderen schwimmen fleißig durchs Becken – die Knalltüte bleibt zwanghaft knapp unter der Wasseroberfläche kleben. Ansonsten kacken die Roten neuerdings lustige Schnüre ins Wasser. Wenigstens die Verdauung funktioniert. Mal sehen, wie es weitergeht.

4. FT

7:30 Uhr - Der Schwarm schrumpft. Nach einem Massenselbstmordversuch am Filter bleibt ein weiteres Fischchen auf der Strecke. Wieder so ein Zebradingsbums. Die sind anscheinend besonders bekloppt. Zum Leben zu blöd. Äußerlich scheint er ausnehmend gesund zu sein. Tot  ist er dennoch. Ab in den Kühlschrank damit. Für Ostersonntag ist eine feierliche Gruppenbestattung auf dem weitläufigen Anwesen meiner Schwiegereltern geplant. Bin mal gespannt, was bis dahin noch zusammenkommt.

12:00 Uhr - Den Fischen geht es soweit gut. Aber manche Pflanzen bekommen braune Stellen. Heute Mittag sollte es Fischfilets in Kräutersoße geben, doch die Frau findet das pietätlos.

20:00 Uhr - Keine weiteren Vorkommnisse. Alles lebt und schwimmt beschaulich durch die Gegend. Wenn man nur wüsste, was der teuflische Filter als nächstes plant. Wann wird er wieder zuschlagen?

5. FT

8:00 Uhr – Das Biotop hat sich eingerichtet und die Fische ihre Reviere abgesteckt. Das große Sterben haben wir hoffentlich überwunden. Dem Zebraschwarm hat der Verlust eines Viertels seiner Mitglieder anscheinend nicht geschadet. Mutti Natur weiß genau was sie tut.

14:30 Uhr – Eben mal wieder die Fische gefüttert. Haben sich sehr gefreut. Kamen nämlich gleich angeschwommen. Und die Regenbogenfische kacken übrigens rote Schnüre. Sieht toll aus. Oder sollten wir lieber einen Hämoccult-Test machen?

 6. FT

Keine neuen Todesfälle am Tag der Auferstehung Christi. Den (nicht ganz so) teuren Verblichenen richten wir eine schöne Beerdigung aus. Sie werden in einer vom Kinde handbemalten Streichholzschachtel - außen bunt, innen blau (wegen des geliebten Wassers) - unter den Wipfeln einer Tanne der kalten Erde übergeben. Opa hätte dazu eigentlich auf seinem Jagdhorn das Signal „Fisch tot!“ blasen sollen, da er aber zu den Festlandjägern zählt, kann er dieses Stück leider nicht intonieren. Er kennt sich mit Unterwasserfischen offensichtlich nicht aus. Der Feierlichkeit tut das keinen Abbruch. Hiermit betrachten wir dieses dunkle Kapitel als abgeschlossen. Nun blicken wir hoffnungsvoll in eine glückliche Zukunft an der Seite unserer Fischfreunde.

P.S.: Die nächsten Kadaver kommen ins Klo. (HO)